Einführungsrede anlässlich der Vernissage zur Ausstellung: Wilhelm Morat: “Barock“ Papierobjekte aus Hanf und Flachs am 17.09.2017 im Kunstverein Das Damianstor Bruchsal e.V., 17.09.-15.10.2017

Meine Damen und Herren,

Papier ist nicht gleich Papier, das ist eine Binsenweisheit, aber so recht bewusst wird sie uns erst, wenn wir aus dem Meer des industriell produzierten Kopier-, Prospekt-, Geschenk-, Taschentuch-, Toiletten- und Packpapiers zufällig einen Bogen Büttenpapier fischen. Wenn wir statt der glatten oder maschinell gestanzten Oberfläche eine porige, unregelmäßige Struktur wahrnehmen, deren besondere Qualität wir sehen und ertasten können. Darauf schreibt man ein wenig sorgfältiger und mit Tinte statt Kugelschreiber, zeichnet weich, aquarelliert oder druckt. Aber hier wie dort ist das Papier nur Mittel zum Zweck einer schriftlichen oder bildlichen Mitteilung, ein Trägermaterial eben. Als Werkstoff wird Papier mit Schere, Skalpell und Leim zu filigranen Blüten, Wurzelgeflechten, phantasievollen dreidimensionalen Objekten oder ganzen Stadtarchitekturen geschnitten, gefaltet, gebogen, geklebt. Charles Young oder der Däne Peter Callesen haben in jüngster Zeit mit derartigen Arbeiten Aufsehen erregt.
Welchen eigenen Ausdruckswert aber Papier als Naturstoff hat, welche Gestaltungsmöglichkeiten in ihm als einem unabhängigen Medium stecken, das führt uns der Papierkünstler Wilhelm Morat vor. Er arbeitet seit 1981 mit selbst hergestelltem Papier, eine geraume Zeit lang auch mit Zeitungspapier und Pappmaché, das ihm angesichts der Digitalisierung medialer Nachrichtenübermittlung aber inzwischen als unzeitgemäß erscheint. Auf der Internetseite des Papiermuseums Gleisweiler bekommen Sie noch einen guten Eindruck von dieser früheren Werkphase, die hier im Damianstor nicht vertreten ist. Die Bruchsaler Ausstellung zeigt dreiunddreißig Arbeiten aus den Jahren 2010-2017. Das Verbindende zu den vorausgegangenen Schaffensdezennien ist zum einen das raumgreifende Moment der Papierfläche, die sich in die Dreidimensionalität hineinentwickelt bis hin zum vollplastischen Eindruck beispielsweise der beiden kleineren Arbeiten an der Fensterseite des oberen Mittelraums auf einem Sockel bzw. in Wandhängung. Es sei hier angemerkt, dass Wilhelm Morats Kunststudium in Freiburg einen bildhauerischen Schwerpunkt hatte, was ihn nachhaltig geprägt hat. Zum anderen ist die Verwendung selbst hergestellten Flachs- bzw. Hanfpapiers, in das Draht eingebracht wird, durchgängig. Im Rahmen eines Land-Art-Projekts hatte der in Titisee-Neustadt ansässige Künstler vor langem die Pflanzen angebaut, geerntet und in großem Vorrat gelagert. Sie werden nun nach Bedarf in einer eigenen Mühle gemahlen, mit Wasser zu einem fasrigen Brei verrührt und in Sieben geschöpft. Ihre Naturfarbe ist helles Braun, das entweder so belassen oder – wie bei den Hanfarbeiten im zweiten Stock – mit Sauerstoff gebleicht wird. Unter den Flachspapier-Objekten hier im ersten Stock befindet sich eine Dreiergruppe kleiner Torsi, deren bräunlicher Naturton mit Blau bzw. Grün übermalt ist. An dem gegenüberliegenden Deckensitzer kann man durch die unterschiedlichen, direkt ans Papier gebundenen Farbpigmente deutlich den schichtweisen Aufbau des Objekts erkennen. Dazwischen und am Rand der Arbeit wurde mit Eisen legierter Kupferdraht verbracht, der im Kontakt mit dem feuchten Papierbrei in kleinen braunen Pfützen ausgelaufen ist, so dass ein kettenartiger Farb-Strang die Fläche durchzieht. Grünliche Linien in anderen Objekten lassen hingegen auf reinen Kupferdraht schließen.
Die kurzen Flachsfasern sind nur durch das Mahlen bearbeitet, nicht durch chemische Stoffe wie in der industriellen Papierherstellung. Das Quetschen der Faser und anschließende Aufpumpen mit Wasser schafft ein vitales Material, das sich im Laufe des Trocknungsprozesses stark verändert. Durch das Verdunsten schrumpfen und verhärten die Fasern, die Fläche zieht sich also zusammen und die Drähte werden mitgezogen und geben dem Objekt schließlich seine vom Künstler vorbedachte Form. Es entsteht eine Körperhaftigkeit; Volumen, das durch seinen eingeschlossenen Hohlraum große Leichtigkeit erhält. Was wir vor Augen haben, ist das Ergebnis einer gelungenen Kooperation des Künstlers mit der Natur. Besonders eindrucksvoll sind die korkenzieherartigen Torsionen der Objekte in diesem Mittelraum. Es sind ausgesprochene ‚Sommerarbeiten‘, denn sie entstehen ausgebreitet im Neustädter Atelier unter intensiver Sonneneinwirkung, die den Trocknungsprozess forciert. Diese spiraligen Torsi bezeichnen einen der vier gegenwärtigen Arbeitsstränge Wilhelm Morats. Daneben treten die farbigen Arbeiten, die Hanfgruppe im oberen Stockwerk und die neue Gruppe Das Sichtbare und Unsichtbare von 2017, die mit Kupfer- und Goldstaub pigmentiert ist. Diese Arbeiten haben einen hautartigen Charakter, dessen Struktur durch das Gautschtuch entsteht, auf das der Papierbrei aufgetragen wird. Die Drahtlinien verstärken die Assoziation noch, indem sie an dünne Hautfalten denken lassen.
Wie der üppige, bewegte Faltenwurf eines schweren Stoffes wirken hingegen die Barock-Objekte aus dem vorigen Jahr, die der Ausstellung ihren Titel gaben. Auch ihre Oberfläche ist von Metallstaub durchsetzt. Immer wieder zieht man bei der Betrachtung von Wilhelm Morats Werken Parallelen zu Naturformen. Waren es bei früheren Bodenarbeiten vermeintliche Ähnlichkeiten mit Tieren, so sind es heute eher solche mit trockenen Blättern oder – in Anbetracht der jüngsten Werkgruppe – mit Schmetterlingsflügeln, einem Fühler. Dabei handelt es sich um die als Fragmente bezeichneten fragilen, eher grafisch wirkenden Arbeiten im oberen Kabinett, von denen in trockenem Zustand Flächen herausgeschnitten wurden. Schließlich noch ein Hinweis auf den frei von der Decke schwebenden Doppeldecker. Dieses zweiteilige Objekt, das durch weiß eingefärbte Wäscheklammern austariert ist, bewegt sich durch Luftzug und Thermik und veranschaulicht eine Leichtigkeit des Fliegens nicht zuletzt durch die besondere Lichtwirkung auf seiner Oberfläche.
Zusammen mit der Bruchsaler Ausstellung hat Wilhelm Morat allein in diesem Jahr zwischen Basel und Wiesbaden zehn Projekte, deren geografischer Schwerpunkt im deutschen Südwesten liegt. Es sind Einzel- und Gruppenausstellungen sowie die Teilnahme an einem Symposium über Herstellungs- und Verfallsprozesse in der zeitgenössischen Kunst vor knapp zwei Wochen. In Wiesbaden läuft unter dem Titel Naturliebe – erneuerbare Haltungen noch bis zum 15. Oktober eine Ausstellung des Künstlervereins Walkmühle, in der Wilhelm Morat auch vertreten ist. „Was kann Kunst leisten, damit wir unsere Haltung zur Natur hinterfragen?“ So fasst Prisca-Maria Riedel in einem kurzen 3-SAT-Bericht das Thema dieser Schau zusammen, um deren Teilnahme sich über vierhundert Künstler und Künstlerinnen beworben hatten. Der Blick der fünfundvierzig letztlich ausgewählten richtet sich auf Naturfundstücke, Naturprodukte in ihrem lebendigen Prozess des Werdens und Vergehens, des Wachsens, Reifens, Gärens und Verfallens; auf das Gesamtphänomen Natur und nicht auf das Temporäre einer Einzelerscheinung mit ihrem zwangsläufigen Ende bzw. Tod. Für sie alle steht das Potential fortwährender Erneuerung in natürlichen Prozessen im künstlerischen Fokus. Und auch Wilhelm Morat katalysiert dieses innovative Potential des fortwährenden Wandlungsprozesses in der Natur, ohne es chemotechnisch zu verändern. Er stellt den Naturstoff in einen Kontext außerhalb unserer Alltagserfahrung und gibt ihm damit einen neuen, ungeahnten Wert.
In diesem Sinne beschreibt Wilhelm Morat seine Herangehensweise wie folgt:

„Deshalb erscheint es mir äußerst sinnvoll, genauer hinzusehen und experimentell zu erforschen, was der Rohstoff aus seiner Natur heraus leisten kann und diese Möglichkeiten … ganz von Anfang an mitzudenken. … Durch die konzeptuelle Vorbereitung des Prozesses und die Integration der natürlichen Abläufe entstehen die Kunstobjekte.“

Die Ausstellung mit Wilhelm Morats Werken zeigt: Sowohl die unerschöpfliche Energie, die Schönheit, Kreativität und Intelligenz des Gesamtorganismus Natur als auch der sinnliche Reiz und die immanente Wirkungskraft seines Materials, dem der Künstler Form gibt, verdienen unsere absolute Wertschätzung, – jenseits technischer Manipulationsmöglichkeiten und weit über ein billiges Umweltbewusstsein hinaus.
Martina Wehlte