Einführungsrede anlässlich der Vernissage zur Ausstellung: „Norbert Klaus. Zwischen Zufall und Ordnung“ am 19.11.2017 im Kunstverein Das Damianstor Bruchsal e.V., 19.11.-17.12.2017

Meine Damen und Herren,
die Holzobjekte von Norbert Klaus erkennt man unter anderen Arbeiten sofort wieder; sie sind charakteristisch in ihrer Machart und ihrer klaren Formensprache, ohne dass sie jemals den Eindruck des Immer-Gleichen erwecken würden. Im Gegenteil: Der Beschränkung auf Kugel, Quader, Spindel, Kegel, Würfel oder Bogen in der Gesamtform korrespondiert die Üppigkeit und Variationsbreite im Aufbau der Werke aus dünnen Zweigen. Das Material ist Reisig, das oberirdische Holz eines Baumes, sogenanntes Nichtderbholz, in Zweigen bis maximal 7cm Durchmesser. Norbert Klaus bekommt es im Februar / März geliefert, wenn die Zweige noch nicht ausgeschlagen haben. Es wird abgedeckt im Garten bis zum Spätsommer oder Herbst gelagert und dann in der Garage senkrecht gebündelt und nach Jahren geordnet aufbewahrt.
Wie entsteht nun, „zwischen Zufall und Ordnung“ – um den Ausstellungstitel aufzugreifen -, was wir hier vor Augen haben? Die kompakten, eher flächigen Wandobjekte, die luftig ausfransende Stele zwischen den beiden Fenstern oder das große, an einen Igel erinnernde Bodenobjekt in der Raummitte? Stabile Basis ist eine Holzplatte, ein Metallbügel oder –rahmen und ein Gitter aus Stahldraht ist der Ausgangspunkt für die Arbeiten. Darein werden erste biegsame Reisigzweige gesteckt, die den Kern des Raumkörpers bilden. Dieser wird sorgfältig aufgefüllt, vorzugsweise mit härteren Kirschhölzern, dem roten Hartriegel oder der Blutpflaume, deren Verästelungen sich ineinander haken. Die Wahl des Zeitpunkts, zu dem diese bevorzugten Materialien verarbeitet werden, der Grad ihrer Trocknung ist ein Erfahrungswert und äußerst wichtig für das Gelingen des Werks. Eine gewisse Elastizität des Reisigs einerseits und Festigkeit andererseits, – beides ist notwendig. Norbert Klaus steckt die Zweige dicht oder mit weiterem Abstand und schneidet mit einer elektrischen Winzerschere nach. So ‚wächst‘ das Objekt, das wir – unseren Seherfahrungen nach – fälschlich als urwüchsig assoziieren, obwohl es doch von Menschenhand gemacht ist und planvoll in seine gewünschte Form geschnitten wurde..,, bevor es in einer speziellen Vorrichtung fixiert mit der Kettensäge in seine endgültige stereometrische Form gebracht wird.
Daran schließt sich eine je unterschiedliche Oberflächenbehandlung, sei es durch einen dünnen, Glanz verleihenden Überzug, der die zarte Rindenhaut hervorhebt, sei es durch Aufsprühen stark verdünnter schwarzer oder weißer Beize, die dem plastischen Körper einen malerisch homogenen, ruhigen Charakter gibt. So erzielt der Künstler einen Ausgleich zwischen der lebendigen Struktur des Naturmaterials, und der ersichtlich mit Farbe überarbeiteten, vereinheitlichenden Oberfläche, die zudem nach dem Ausdruckswillen des Künstlers mit Schere und Flex streng gebändigt ist. Der Blick des Betrachters tastet den plastischen Körper ab, seine einheitliche Erscheinung im Raum gegenüber der Vielteiligkeit seiner materiellen Beschaffenheit. An einigen Objekten schleift Norbert Klaus die übersprühten Schnittflächen ab, so dass die helle Holzfarbe die Aufmerksamkeit stärker auf die Fläche lenkt. Das wird besonders deutlich an den leicht konkav gebogenen Reisigplatten an dieser Wand im Mittelraum des ersten Obergeschosses. Sie haben eine dicht geschlossene Oberfläche, die durch die mit einer Flex hell herausgeschliffenen Schnittstellen der Zweige äußerst lebendig wirkt. Das so entstandene rhythmische Muster wird von den Sägespuren in der angefügten dunklen Holzplatte modifiziert fortgeführt.
Die differenzierte Aufbringung der Zweige, ihr Ineinanderflechten und Verhaken oder vereinzeltes Stecken an den Objekten lässt sich gut beobachten und ihre einmal kompakt geschlossene, dann eher struppige Erscheinung vergleichen. Besonders reizvoll ist die Verbindung mit anderem Material innerhalb eines Werks: mit Stammholz, das gegenüber dem Reisigkorpus besonders massiv und schwer wirkt, oder mit schwarz glänzendem Acryl, dessen künstlicher Charakter und industrielle Fertigung in denkbar starkem Gegensatz zu dem natürlichen Material steht.
Es versteht sich von selbst, dass die Wahl des Sockels für die Präsentation von großer Bedeutung ist. Die ruhigen, dunklen Metallsockel, zum Teil vom Künstler selbst gefertigt, greifen die dunkle Farbigkeit der Werke sehr gut auf. Mindestens ebenso wichtig sind die Lichtverhältnisse, die von Tageszeit, Wetter und Lampeneinstellung abhängen und die räumliche Wirkung von Plastiken oder Skulpturen aber fast noch mehr von feinen Reliefs beeinflussen. Und als solche kann man ja die Prägedrucke von Norbert Klaus ansprechen. Seine mittleren Formate mit den dünneren Stegen auf zartem Papier, die fein ziselierten Linien beispielsweise in der kreisrunden Komposition im Seitenkabinett der zweiten Ausstellungsetage, reagieren hochempfindlich auf Veränderungen der Lichtführung. Am besten kommt ihre Plastizität bei seitlich oder von oben einfallendem Licht zur Geltung; werden sie hingegen frontal angestrahlt, büßen sie an Wirkung ein.
An den Papierarbeiten ist am ehesten ersichtlich, dass Norbert Klaus seine künstlerische Entwicklung von der Zeichnung her nahm. Er studierte an der PH Weingarten für das Lehramt Kunst und Deutsch, wohnte danach von 1973-1983 in Berlin und trat in engen Kontakt zu Peter Sorge, dem prominenten Vertreter eines sozialkritischen Realismus, dessen figurative Arbeiten dezidiert zeichnerischen Charakter hatten. Erst 2002/2003 wandte sich Norbert Klaus der Bildhauerei zu und eignete sich in Italien und an der Europäischen Kunstakademie Trier die Steinbildhauerei an. Dass er das Reisig als sein ganz eigenes Material entdeckte, verdankt sich mehr oder weniger dem Zufall und der Experimentierfreude. Seit 2004 lebt Norbert Klaus in Blaustein-Weidach bei Ulm und hat sein Atelier auf die Belange seiner Techniken hin ausgebaut.
Im Bereich der Prägedrucke hat er sich in unserer Ausstellung zum nahezu größten Format vorgewagt, wie Sie an den Blättern im Seitenkabinett ersehen. Diese Arbeiten entstehen folgendermaßen: Das Reisig wird auf einer Tischplatte arrangiert und mit Folie abgedeckt. Darauf kommt das nasse, bei den Großformaten dicke Papier und darüber eine Styroporplatte, die mit einer Tischlerpresse aufgedrückt wird. Nach einer Trocknungszeit von einem Tag bis zu einer Woche kann der Druck herausgelöst werden. Diese rein weißen Blätter haben durch die ruhige waagerecht, leicht diagonal oder kreisrund ausgerichtete Komposition einen beruhigenden, meditativen Charakter. Hier wie auch in den Reisigobjekten arbeitet Norbert Klaus gerne in Werkreihen oder Ensembles, wodurch sich raumbezogene Rhythmen ergeben, die einen harmonischen Gesamteindruck hervorrufen. Besonders schön kommt das in dem Ensemble aus drei versetzt angeordneten Bögen in ihrer Materialkombination von Reisig und Stammholz zur Anschauung. Natur und Kunst im Einklang durch Wiederholung in Variation, nichts anderes ist ja Rhythmus – in der Bildenden Kunst, in der Musik und im Leben.
Martina Wehlte