Michel Pastoureau: Schwarz. Geschichte einer Farbe.

Aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer. 207 S., Verlag Philipp von Zabern. Preis: 39,95 € (für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) 29,95 €).
Anmoderation: Der französische Mediävist Michel Pastoureau hat sich auf die Tier-, Farb- und Kulturgeschichte spezialisiert und hat zu diesen Gebieten publiziert. In deutscher Übersetzung liegen beispielsweise ein Buch über die Farbe Grün und den Bären vor. In langjährigen Studien und seinen Lehrveranstaltungen an der Sorbonne hat er sich auch mit dem geschichtlichen Bedeutungswandel der Farbe Schwarz von der Urzeit bis heute beschäftigt und unter dem deutschen Titel Schwarz. Geschichte einer Farbe einen lesens- und sehenswerten Band zu dem Thema veröffentlicht.
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Die Umschlaggestaltung von Büchern kommt in Rezensionen fast nie zur Sprache, denn sie wird zwar sorgfältig geplant, steht aber meist nur in losem Bezug zum Inhalt und dient in erster Linie als Blickfang, der aus der Masse hervorstechen und Aufmerksamkeit wecken soll. Anders bei Michel Pastoureaus fundierter Darstellung zur Kultur- und Sozialgeschichte der Farbe Schwarz. Der von Jutta Schneider entworfene Einband für Schwarz. Geschichte einer Farbe steckt wohlüberlegt das Spektrum von Assoziationen ab, das wir heute mit dieser Farbe verbinden. Auf dem matt schwarzen Papier des Covers verläuft in senkrechten, glänzend schwarzen Buchstaben der Name der Farbe, darüber sind waagerecht in schnörkellosen Lettern und in der Gegenfarbe Weiß Autor und Titel gesetzt. Schwarz suggeriert hier das von Michel Pastoureau ausgebreitete Spektrum von Eleganz über Sachlichkeit oder Askese bis zu Autorität, wie es namentlich in der Kleidung zum Ausdruck kommt: im kleinen Schwarzen der Damen und dem seriös-nüchternen Anzug der Herren, in den Mäßigung und Demut signalisierenden Ordenskutten oder den respektgebietenden Talaren der Pfarrer und Roben der Richter. In einem Gemäldeausschnitt auf der Rückseite des Buches funkeln die grün-gelben Augen einer schwarzen Katze hervor, die für das Geheimnisvoll-Unheimliche im Symbolgehalt dieser Farbe stehen.
Die Vieldeutigkeit von Farben und ihr Bedeutungswandel ist eine erstaunlich spannende Geschichte, wenn man sie so präsentiert wie der Mittelalterhistoriker Michel Pastoureau. In fünf Kapiteln zeichnet er chronologisch die Entwicklung des symbolischen Gehalts von Schwarz, seiner materiellen Konsistenz und seiner Wahrnehmung in der abendländischen Kultur nach. Dabei hat er sein Thema in ein universelles Wissen gebettet, das der Neugier des Lesers mit überraschenden Querverweisen und Anmerkungen immer neue Nahrung gibt, während sich das Auge an den zahlreichen, gut gewählten Illustrationen satt sieht. So hatte Schwarz bei den Germanen eine positive Konnotation, während ein als Gegenfarbe empfundenes Fahl, nicht etwa Weiß, angsteinflößend auf sie wirkte. Erst die Bibel etablierte Schwarz als Farbe des Bösen, beginnend mit dem Raben, den Noah aussandte, um ihm zu melden, ob die Sintflut zurückgehe, und der sich pflichtvergessen auf dem Land niederließ und eine Portion Aas verspeiste.
Die Blütezeit dieser Farbe war indes nicht das ‘finstere Mittelalter‘, sondern das 17. Jahrhundert, das heute als das goldene Zeitalter des Barock im Bewusstsein ist, tatsächlich aber, wie Michel Pastoureau ausführt, von Despotismus, Armut, Schmutz und Seuchen, Hexenprozessen und Teufelsglauben beherrscht war. Kein Wunder, dass die Farbe Schwarz das gesamte Leben durchzog. Ihren Status als Farbe verlor sie allerdings durch Isaac Newtons Entdeckung des Lichtspektrums, in dem für Schwarz aber kein Platz ist.
Unbekümmert um diese wissenschaftliche Diskreditierung hat Schwarz seine Bedeutung in der abendländischen Kultur allerdings nie verloren. Das gilt von der mittelalterlichen Grisaille-Malerei über Jean-Baptiste Chardin, Eduard Manet und Pierre Soulages bis zu den Tuschezeichnungen von Henri Micheaux, von denen der Autor mit französischer Perspektive großformatige Bildbeispiele gibt, deren Reihe sich aber mit zahlreichen anderen europäischen Malern erweitern ließe. Den ambivalenten Charakter von Schwarz zeigt Michel Pastoureau in seinem letzten Kapitel an Beispielen aus den politischen, sportlichen und kriminellen Gesellschaftsbereichen bis heute und mit einem abschließenden Blick auf die Geschichte der Damenunterwäsche, die für das Thema „sehr aufschlussreich“ sei, wie er augenzwinkernd bemerkt.
Martina Wehlte
Michel Pastoureau: Schwarz. Geschichte einer Farbe. Aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer. 207 S., Verlag Philipp von Zabern. Preis: 39,95 € (für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) 29,95 €).