Manfred Mai: Lena liest ums Leben.

176 S., Fabulus Verlag. Preis: 14,95 €. Ab 10 Jahren.

Anmoderation:

Die Liste von Erzählungen und Romanen des Kinder- und Jugendbuchautors Manfred Mai ist kaum überschaubar. Seit 1978 sind etwa 150 Bücher erschienen und so ist es kein Wunder, dass der schwäbische Autor sein Handwerk des Schreibens routiniert beherrscht. Nachdem im vergangenen Herbst erst sein Roman Wunderbare Möglichkeiten im Fabulus Verlag erschienen ist, liegt nun schon ein Nachfolger vor: Lena liest ums Leben. In beiden Büchern spielt das Lesen bzw. Vorlesen eine große Rolle und das lichte Himmelblau der Umschlaggestaltung mit einer Illustration von Quint Buchholz weist in den grenzenlosen Raum der Literatur.
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Es ist schlechthin der Glücksfall allen Lesens, ein gutes Buch zur rechten Zeit in die Hand zu bekommen, wie Manfred Mai aus eigener Erfahrung weiß:
„Bei mir haben ein, zwei Bücher, die ich zur richtigen Zeit in die Hand bekommen habe, mein Leben wirklich verändert und ich hab gemerkt, was ich bis dahin versäumt hatte und seit dieser Zeit ist mir einfach wichtig nicht nur selbst zu lesen sondern auch zu vermitteln, was Lesen einem geben kann.“
„Lesen ist ein großes Wunder“. Dieses Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach hat Manfred Mai seinem Buch Lena liest ums Leben vorangestellt. Und um ein wahres Wunder geht es in der Geschichte auch, denn das Idyll der schwäbischen Kleinfamilie bricht jäh zusammen, als der Vater auf Montage plötzlich zusammenbricht und eine Krankenhaus-Odyssee antreten muss, an deren Ende er abgemagert und eingefallen nur deshalb nach Hause kommt, weil die Ärzte ratlos sind. Er scheint dem Tod geweiht, was Lena unter keinen Umständen hören will sondern ihrer Mutter mit angstvollem Trotz das Wort abschneidet: „Wir machen ihn wieder gesund.“ Und sie findet eine Medizin – das Vorlesen. Wie Papa noch sechs Wochen zuvor an ihrem Bett gesessen und die ersten beiden Kapitel aus Der geheimnisvolle Erfinder vorgelesen hatte, einem älteren Buch Manfred Mais, so sitzt nun Lena an seinem Bett. Jeden Tag liest sie die Geschichte weiter und hört an der spannendsten Stelle auf, so dass der Kranke auf die Fortsetzung am nächsten Tag neugierig ist.
Das Kompositionsprinzip einer Geschichte in der Geschichte, einer im wahrsten Sinne lebensrettenden, in die Rahmenhandlung eingebauten Binnenerzählung bestätigt die Assoziation, die schon der Titel des Buchs Lena liest ums Leben eingegeben hat: Scheherazade und ihre Erzählungen aus tausendundeiner Nacht. Doch während Scheherazade, ihren Tod am Morgen nach der Liebesnacht mit König Schahriyar vor Augen, die Spannung ihrer Erzählungen wachhält, um ihr eigenes Leben zu retten, liest Lena um das Leben ihres Vaters. Dabei geht es in beiden Konstellationen um die liebevolle Hinwendung zu einem Kranken – in Tausendundeine Nacht zu dem durch Treuebruch tief gekränkten, rachsüchtigen König und in Manfred Mais Buch zu dem unbekannt erkrankten, abgemagerten Vater. Hier wie dort erweitern Geschichten das Blickfeld in eine Welt jenseits des eigenen, schwer erträglich gewordenen Lebens. Es ist das Stillen einer unausgesprochenen Sehnsucht durch die Macht der Phantasie in der Erzählkunst; ein Wiedererkennen in den Charakteren von fiktiven Figuren, denen gelingt, was die Zuhörer in ihrer Realität (noch) nicht geschafft haben.
„Ich möchte die Leser direkt erleben lassen, … dass eine Buchfigur, wenn sie liest und über das Lesen sich verändert.“
So entpuppt sich die Hauptfigur Martin Maier in Lenas Vorlesebuch als Aussteiger aus dem erfolgreichen, aber stressigen Berufsleben eines technischen Entwicklers, der Nutzen und Notwendigkeit seiner Erfindungen in Frage gestellt hat und sich zweckfreien, ‚nur‘ schönen Dingen zuwendet. Er hat ein altes Haus am Dorfrand bezogen, bunt angemalt und mit merkwürdigen, dämonisch anmutenden Holzfiguren und Spruchtafeln im Garten umstellt. Ganz wie es der oberschwäbische Maler Melchior Setz mit seinem sogenannten Hexenhäuschen in Neukirch am Bodensee gemacht hatte. Das ist vom Giebel bis zum Boden mit farbigen Masken bestückt, wird von Totempfählen beschützt und von einer wahren Herde skurriler Tiere und furchteinflößender Monster bewacht. Was zu Lebzeiten von Melchior Setz bei den Nachbarn Kopfschütteln und Missbilligung fand, ist heute eine kleine Touristenattraktion und ein Riesenspaß für Kinder. Von der humor- und phantasievollen Hinterlassenschaft dieses eigenwilligen Künstlers wurde Manfred Mai vor Jahren inspiriert:
„Ich hab dann mit seiner Witwe geredet und sie hat mir erzählt, was sie alles mit- und durchgemacht hat, weil ihr Mann einfach nicht bereit war, sich dem Üblichen da ein- und unterzuordnen und das Haus auch gestaltet hat.“
In die literarische Figur ist aber, so die Andeutung des Autors, auch etwas eigene Erfahrung eingeflossen.
„Den hab ich erfunden, den Namen, … es ist ja ein MM-Name und da können sich die Leute auch ein bisschen was denken.“
„Martin Maier wird mir immer sympathischer“, sagt Lenas Vater einmal. „So wie der würde ich auch gern leben.“ Und eben nicht mit Überstunden und auf Montage, immer schneller durch den Alltag kreisend. Nicht von ungefähr hat Manfred Mai ihn – als Vorboten seiner Krankheit – auf der ersten Buchseite vor Schwindel zusammensacken lassen, als er seine Tochter im Kreis durch die Luft wirbelt. Und wie Martin Maier als Fremdling von den Dorfbewohnern argwöhnisch beäugt und in die Außenseiterrolle gedrängt wird, so wird auch Lenas vormals so lebenstüchtiger Vater von der Gesellschaft ausgeschlossen. Beide erfüllen nicht mehr deren vorherrschende Erwartungen, so dass ihnen schließlich Gleichgültigkeit und sogar aufkeimende Boshaftigkeit entgegengebracht werden. In der Binnenerzählung setzt sich Franziska mit ihrer Freundin mutig über die Vorurteile ihrer Umgebung hinweg, als sich die Situation durch die üblen Streiche einiger Jungs zuspitzt. Sie ist vom Autor als Pendant zu Lena konzipiert, die sich gegen Mutmaßungen, ihr Vater habe Krebs und müsse als hoffnungslos abgeschrieben werden, zur Wehr setzt. In ihrer Unvoreingenommenheit und einer Mischung aus Empathie und kindlichem Trotz hat Manfred Mai die beiden Mädchenfiguren zu unprätentiösen Heldinnen seiner miteinander verwobenen und motivisch aufeinander bezogenen Erzählungen gemacht. Und er hat in den Geschichten die Wirkungsmacht der Kunst thematisiert, auch wenn er seine Leser über eine aufrichtige Akzeptanz des einen und eine dauerhafte Genesung des anderen Außenseiters im Ungewissen lässt.
Martina Wehlte