Dix / Beckmann: Mythos Welt.

Kunsthalle Mannheim.
Eine so großartige Schau, wie sie die Kunsthalle Mannheim derzeit mit Dix / Beckmann. Mythos Welt bietet, hätte man sich mit einem räumlich pompösen Auftakt, einem würdigen Entrée gewünscht. Den Abriss- und Neubauarbeiten des aus den achtziger Jahren stammenden Anbaus geschuldet, sind stattdessen Kasse und Museumsshop in Containern vor dem Eingang des alten, zu museumstechnischen Standards hochgerüsteten Billing-Baus untergebracht. Umso respektabler ist der Kraftakt, mit dem Ulrike Lorenz und ihr Team um die Kostbarkeiten aus ihrem eigenen Haus herum ein künstlerisches Panorama mit Leihgaben aus zahlreichen deutschen und internationalen Sammlungen entworfen haben. Der Ausstellungsrundgang beginnt versteckt hinter einer Tür, die früher einmal in den museumspädagogischen Bereich führte. Dahinter freilich liegt ein Sesamöffnedich, wie es auch verwöhnte Kunstfreunde begeistern muss: Ein Dialog der zweifellos bedeutendsten figurativen Maler, die Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert hervorgebracht hat, Max Beckmann (1884-1940) und Otto Dix (1891-1969).
Sie präsentieren sich dem eintretenden Besucher zunächst lebensgroß auf Fotowänden, Beckmann frontal, im Anzug, die linke Hand in der Hosentasche, in seiner Rechten die obligatorische Zigarette, und mit dem charakteristischen ernst entschlossenen Gesichtsausdruck; Dix von der Seite, im Malerkittel, bei der Arbeit an einer großformatigen Leinwand, das knochige Gesicht konzentriert auf die auszuführende Partie gerichtet. Es ist ein programmatisches Gegenüber, wie es die folgenden fünfzehn Räume durchziehen wird, in denen chronologisch und nach Themengruppen geordnet 100 Gemälde und 165 Aquarelle, Zeichnungen und Graphiken aus führenden Museen und Privatsammlungen zu sehen sind. Selbstbewusst kann die Kunsthalle mit dieser Präsentation an Gustav Hartlaubs legendäre Ausstellung Neue Sachlichkeit (1925) erinnern, in der beide Maler prominent vertreten waren.
Es ist ein besonderes Verdienst der Schau, neben den eklatanten Unterschieden der Künstler auch ihre Gemeinsamkeiten deutlich zu machen. Beide beginnen in jungen Jahren unter dem Einfluss van Goghs und des Nachimpressionismus mit Landschaften in wogenden Pinselstrichen und pastosem Farbauftrag. Doch schon die frühen Selbstbildnisse – und beide haben sich ein Leben lang immer wieder kritisch und wohl auch etwas selbstverliebt im Porträt bespiegelt – zeigen zwei offenkundig unterschiedliche Charaktere und gegensätzliche Formen der Inszenierung. Max Beckmann, 1907 als Stipendiat vor einem Fenster in der Villa Romana, steht im schwarzen Anzug mit Weste und Vatermörderkragen für ein repräsentatives Selbstporträt Modell, ungerührt, fast schnöselhaft mit den hochgezogenen Augenbrauen. Otto Dix dagegen mimt den Verruchten, der im schlichten Hemd den Betrachter scharf fixiert, während er lässig eine weiße Rauchwolke in die Luft bläst. In ruhigen, sorgsam gesetzten Pinselstrichen der eine, mit wildem Gestus der andere. Auch an den religiösen Themen arbeiten die beiden in diese unterschiedlichen Richtungen: Beckmann stilistisch eher Klinger und Trübner verbunden, Dix in einer ausdrucksstarken, bewegten Formensprache, ganz Expressionist.
Bevor sein erschütternder Radierzyklus Krieg (1924) dem Besucher in drastischem Realismus, manchmal schon sarkastisch überzeichnet, die Grauen des Ersten Weltkriegs vorführt, den der Mittzwanziger als MG-Schütze erlebte, treten Porträts der beiden Maler in Dialog miteinander. Spätestens hier wird deutlich, was an den Bildern dieser sogenannten Neusachlichen in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren denn sachlich war. Es ist der emotionslose Blick des Malers, der die Dargestellten charakterisiert, ohne ihnen nahezutreten, ohne sich in ihr Innerstes hineinzufühlen. Ernst und verschlossen bleiben sie, auch die Frauen kaum je mit einem Lächeln. Otto Dix bedient sich inzwischen einer meisterhaften lasierenden Malweise, in der die Haut wie eine dünne Membran erscheint, Knochen, Adern und Falten deutlich hervortreten lässt und eine mitunter drastische Übersteigerung ins Hässliche ermöglicht. Die Palette ist Ton in Ton gehalten, während Max Beckmann in seinem pastosen Auftrag kräftigere Farbakzente setzt, die Proportionen ein wenig verrückt – beispielsweise Kopf und Hände größer wiedergibt. Eine auffallende Gemeinsamkeit beider Maler ist die Bedeutung, die sie den sprechenden Händen geben. Sie krampfen sich manieristisch in die Arme, wie in Beckmanns Bildnis von Dr. G.F. Reber oder Dix‘ Bildnis von Heinar Schilling oder sie verweisen im Zeigegestus auf eine Opferrolle, wie in Max Beckmanns Selbstbildnis als Clown von 1921.
Breiten Raum in ihrem Schaffen nehmen die Themen Eros und Tod ein, deren vermeintliche Polarität besonders bei Dix oft genug in eins fällt. Nächtliche Gewaltszenen in beklemmend kippenden Räumen oder geschäftsmäßige Bordellszenen finden sich bei beiden Künstlern. Doch während Beckmann eher das geheimnisvoll Anziehende, auch magisch Fesselnde interessiert, überwiegt bei Dix das rein Physische zwischen Drallheit und morbidem Verfall. Was aber bei ihm auf den ersten Blick so offenkundig veristisch erscheint, entschlüsselt auf den zweiten Blick in versteckten Motiven eine tiefere Symbolhaftigkeit. Ein gutes Beispiel dafür ist das aus konservatorischen Gründen nur als Leuchtkasten-Reproduktion gezeigte Großstadt-Triptychon von einer entfremdeten Welt, die nicht weniger als Vorhölle erscheint wie die Schlachtfelder des Krieges, die er zuvor thematisiert hatte. Max Beckmann entrückt seine von schwarzem Cloisonneé umfassten Figuren in der Folgezeit mehr und mehr in einen hermetischen mythologischen Raum, entindividualisiert sie vollkommen und hält das künstlerische Niveau bis zu seinem Tod 1950 in den USA. Schwieriger wird eine Würdigung des Spätwerks von Otto Dix, der wie Beckmann von den Nationalsozialisten als entartet verfemt worden war, und nach dem Zweiten Weltkrieg in einer pastosen, etwas abstrahierenden Malweise nicht mehr zur Qualität seiner expressionistischen Phase zurückfand, während die altmeisterliche Art nach mittelalterlichem Vorbild für ihn obsolet geworden war. So bietet der letzte Ausstellungsraum in Mannheim einen stillen, geradezu tragischen Abschied.
Die Ausstellung Dix / Beckmann: Mythos Welt läuft bis 23.03.2014 in der Kunsthalle Mannheim und ist danach in abgewandelter Form in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München z sehen. Katalog (Hirmer Verlag): 39,90 €, an der Museumskasse 25,00 €.
Weitere Informationen, Öffnungszeiten und Begleitprogramm: www.kunsthalle-mannheim.de