Christina Hucklenbroich: Das Tier und wir

Einblicke in eine komplexe Freundschaft. 368 S., Blessing Verlag. 
Unser Verhältnis zum Tier ist heute durch Extreme gekennzeichnet. Die einen sehen Tiere generell als niedrigere Lebewesen im Dienst des Menschen Sie kaufen ihr Fleisch im Discounter und haben nichts gegen Tierversuche. Die anderen sind Vegetarier und militante Tierschützer. Doch nicht nur im Allgemeinen sondern auch in der persönlichen Beziehung zwischen Tier und Tierhalter gibt es diese eklatanten Unterschiede und die spannende Frage ist:
Sprecher: Was sind die Gründe, die den einen Menschen dazu bringen, seinen Hund wie einen nützlichen Besitz zu betrachten, den nächsten aber dazu, die Katze wie ein menschliches Familienmitglied zu behandeln – inklusive teurer Medikamente, Filet zum Geburtstag und Stoffmaus zu Weihnachten? Und warum sehen wieder andere in ihren Meerschweinchen Mitgeschöpfe, denen man eine artgerechte Umgebung schuldet, ohne eine Gegenleistung verlangen zu dürfen?
Christina Hucklenbroich zitiert den amerikanischen Soziologen David Blouin, der die These vertritt, jeder von uns sei zu jeder dieser Sichtweisen fähig. Es hänge von der jeweiligen Lebensgeschichte ab, von eventuellen Brüchen, neuen Beziehungen oder Aufgaben, welchen Stellenwert das Tier für uns hat und welches Schicksal es dadurch erfahren wird. Christina Hucklenbroich hat für ihr Buch Das Tier und wir umfangreiche Feldforschungen zum Thema betrieben und eine Fülle interessanter Fakten zusammengetragen. So gibt es in deutschsprachigen Haushalten etwa 12,3 Mio. Katzen, 7,4 Mio. Hunde, 7,6 Mio. Kleinsäuger und 800.000 Terrarien. Die Zahl der über sechzigjährigen Tierhalter ist in den letzten Jahren rasant gestiegen und die Futtermittelhersteller erhoffen sich aufgrund der demographischen Entwicklung ein wachsendes Kundenpotenzial unter den Senioren, die Zeit, Geld und emotionale Freiräume haben. Angesichts dieser Zahlen ist es erstaunlich, dass Christina Hucklenbroichs zahlreiche Interviewpartner aus Scham über den hohen Stellenwert ihres Haustieres als Kind- oder Partnerersatz anonym bleiben wollten. Eine derartige Vermenschlichung ist vor dem Hintergrund der christlich geprägten europäischen Geistesgeschichte auch heute noch gesellschaftlich nicht akzeptiert. Von der neuen Lebensgemeinschaft erwarten die Menschen vor allem eines:
Sprecher: Tiere sollen ihnen helfen, mit Stress, Einsamkeit und den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft besser umgehen zu können … Sie werden in Stellung gebracht gegen die Geißeln der Gegenwart: die flexibilisierte Arbeitswelt, digitale Überforderung, gegen Vereinsamung und psychische Krankheiten wie Burn-out.
So baut auch Mars Pet Care mit Marken wie Whiskas, Chappi, Kitekat in seiner Werbung den Umgang mit dem Tier als Refugium der geplagten Leistungsgesellschaft auf. Und tatsächlich werden Einschränkungen durch das Zusammenleben mit den haarigen oder gefiederten Vier- und Zweibeinern von den meisten Interviewpartnern der Autorin als eine andere Form der Freiheit und Selbstbestimmung erlebt. Die Alltagserfordernisse von berufstätigen Tierfreunden – in über 50% der Single-Haushalte lebt ein Haustier – haben neue Geschäftsmodelle wie das Tiersitting auf den Markt gebracht und die Halter sind sozial gut vernetzt. Christina Hucklenbroich stellt eine expandierende Tagesstätte für Hunde vor, berichtet über bekannte Blogs als Plattformen für Erfahrungsberichte, Tipps und anrührende Geschichten sowie Barfer-Foren, in denen über die Ernährung von Hunden mit rohem Fleisch diskutiert wird. Sie hat in ihrem Buch eine gelungene Mischung aus feuilletonistischem Plauderton und Sachbuchstil mit gut recherchierten Fakten und hohem Informationsgehalt gefunden. Und was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn die Zahl der ausgesetzten und abgegebenen Tiere in Heimen von 2005 auf 2009 um 40 % gestiegen ist? Die Psychiaterin Gisela Wieland-Puskes sagte der Autorin:
Sprecher: Viele Menschen haben eine große Selbstbezogenheit … Sie betrachten das Tier als Fortsetzung ihres eigenen Ichs. Wenn das Tier dann nicht mehr richtig funktioniert, gibt das besondere Probleme, denn sie hatten nie vor, das Tier als Lebewesen mit Ecken und Kanten zu sehen.
Für den Leser ist es spannend, das ganze Spektrum von Tier-Mensch-Beziehungen kennenzulernen, aber schwierig, aus der Fülle von Aspekten, die dieses Buch vorführt, gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse zu ziehen. Das zugrundeliegende Material ist eine Fundgrube für Soziologen, deren Auswertung zu interessanten Erkenntnissen über unsere Gesellschaft führen dürfte.